Das Millionen-Märchen

Diese Geschichte war doch zu schön, um wahr zu sein. “Rentner finden Drei-Millionen-Briefmarke auf dem Flohmarkt!”, verkündete die Bild am 25. Oktober. Eine Geschichte, die ihre Runde machte. Von Stern bis Focus, von der Augsburger Allgemeinen bis hin zum Fachblatt philatelie – alle präsentierten mehr oder weniger die beiden Sachsen, die auf dem Dresdner Elbeflohmarkt Kiloware für 20 Euro kauften und ihn ihr eine “unheimlich seltene Briefmarke” fanden, nämlich eine Benjamin Franklin One Cent” mit Z-Grill. Dass die Marke dann doch nicht so selten war, sorgte merkwürdigerweise nicht mehr für Schlagzeilen.

flohmarkt

Der Reihe nach. Zitieren wir erst einmal die Bild:

Der Blick blieb auf einer stark beschmutzten blauen „One-Cent“-Marke hängen. Sie ist von 1861 und zeigt ein Porträt von Benjamin Franklin. Ein ganz besonderes Exemplar.

Reinhold: „Ich habe immer wieder die Fachliteratur und Kataloge gewälzt, Experten befragt. Es ist eine Marke, die 1861 in nur 3100 Stück aufgelegt wurde und bis 1867 im Umlauf war.“

Die Besonderheit ist eine auf der Rückseite sichtbare Waffel-Einpressung.

Da weltweit nur noch EIN Exemplar im Postmuseum von New York erhalten ist, beträgt der aktuelle Katalogwert drei Mio. Dollar (2,5 Mio. Euro).

Und nun müsse der Rentner unbedingt zur Philatelic Foundation in die USA, um seinen Fund mit diesem Original zu vergleichen. Behauptete die Bild-Zeitung. Wochenlang berichtet sie weiter über die “Briefmarken-Millionäre” und über ihre Bemühungen, Sponsoren für einen Flug nach New York zu finden. Worüber sie nicht berichtet, ist die Reaktion der Philatelic Foundation direkt am Tag nach der ersten Geschichte.

“Wir haben ihm mitgeteilt, dass es nicht der Z-Grill ist”, sagte David Petruzelli von der Foundation der Huffington Post. “Er hat uns einen guten Scan davon zugeschickt. Es ist nicht die Briefmarke.” (…)

Aber die Foundation sagte, sie habe ihm geschrieben, er solle sich nicht damit herumquälen [einen Sponsor zu suchen und nach New York zu fliegen]. Die Marke sei es nicht mal wert, daran zu lecken, jedenfalls nicht im Vergleich zu drei Millionen Dollar. “Ich habe mein Bestes gegeben, ihm zu erklären, dass es nicht die Briefmarke ist”, sagte Petruzelli. “Wir wollten nicht, dass er sich die Mühe macht.”

Petruzelli sagte, schon viele Sammler seien auf eigene Kosten [nach New York] geflogen, nur um enttäuscht zu werden. Hoffmanns Fund sei wahrscheinlich ein F-Grill, der weit weniger wert sei als der Z-Grill. In diesem Zustand schätzte er den Wert der Marke auf einen Bruchteil des Katalogwertes von derzeit 475 Dollar.

Und deshalb geht die Reise gut einen Monat später auch nicht nach New York, sondern nach London, wo die “2,5-Millionen-Mark” (500000 hat sie offenbar schon an Wert verloren) geprüft werden soll – das könne aber bis zu sechs Monate dauern. Ausführlich nachzulesen, zum Beispiel mit Reaktionen von Wolfgang Jakubek, ist dieses Revolerstück im Bildblog. Und die Moral von der (erfundenen) Geschicht’: Die Philatelie schafft’s vor allem dann in die Medien, wenn man die Sammler als leicht bedauernswerte Leutchen hinstellen kann, die nichts anderes zu tun haben, als auf Flohmärken den Millionenfund zu machen.

Ein Gedanke zu “Das Millionen-Märchen

  1. Ich hab auch 3.oder.4 mit.F – Grill auserdem ca 100 Briefe oder mehr aus den 60 er Jahren ,aber was kann ich damit.nur anfangen ? Aber unter tausend euro kann ich die one cent marken auh nicht hergebn :/ kein plan ,lohnt.es den bayern kreuzer zu kaufen?

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